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Der bayrische Archipel Gulag


Leseprobe aus : Die armen Hunde von  Stadelheim

Das Buch wird verlegt von der Frankfurter Verlagsgruppe ISBN 978-3-86369-266-7


1.     Arme Hunde, die vorübergehend in der Stadelheimerstraße 12 eine feste Adresse bekamen.


Zu diesen armen Hunden gehörte Rudi, 23 Jahre alt, aus Innsbruck. Er war auf einem Rockkonzert in München, hatte sich da einen Rausch angesoffen und war anschließend auf dem Münchner Christkindlmarkt. Dort hatte er sich noch mit Punsch aufgewärmt und im Suff von einem Stand eine Krippenfigur aus Styropor mitgenommen. Per Videoüberwachung identifizierte man ihn und nahm ihn dann später am Hauptbahnhof wegen Diebstahl fest. Er war ohne festen Wohnsitz in Deutschland und bekam diesen anschließend vom Freistaat Bayern in der JVA Stadelheim für mehrere Wochen.

Dazu gehörte auch Hans  aus Miesbach. Er war beim dortigen Amtsgericht vier Jahre lang beschäftigt und hatte Geld unterschlagen. Das erzählte man zumindestens beim Hofgang. In der Zeitung, auch in Miesbacher Merkur, war  darüber überhaupt nichts zu lesen. Ist ja auch klar, das Amtsgericht musste sauber bleiben. Hans bekam jedoch eine feste Adresse in Stadelheim, wenigstens vorübergehend.

G. H. Er verdrückte in einem Supermarkt eine Wurschtsemmel und entfernte sich zu weit von der Kasse. Seine Ausrede, er wäre Diabetiker und im Unterzucker gewesen, glaubte ihm keiner. „Sie sind ein Verbrecher“ sagte der Richter, was auch stimmte. G.H. war vorbestraft. Für den unerlaubten Verzehr der Wurstsemmel kam G. H. 6 Monate hinter Gitter.

H. U. Er lebte in Scheidung und führte Ehekrieg. Dazu besaß er die Frechheit, sich auch noch zwei Freundinnen zuzulegen. Eine davon zeigte ihn ob ihrer enttäuschten Liebe wegen Vergewaltigung an. Er hatte die finanziellen Zuwendungen an die Anzeigeerstatterin eingestellt. Außerdem hatte er sich geweigert, seine Freundin nach einer durchzechten Nacht um 3:00 Uhr morgens nachhause zu fahren, was das Gericht als Freiheitsentzug bewertete. Da H. vorbestraft war, hatte er keine Chance, dass man ihn glaubt. So traf ich ihn in der JVA auf dem Hofgang. Einer von vielen Mäull Šnnern, die in Zukunft nur noch ins Puff gehen werden.

E. N. Seine 2/3-Strafverkürzung wurde abgelehnt. Als Begründung hieß es: „der Strafgefangene verhält sich auffällig ruhig und diszipliniert, ein Zeichen, dass die Bestrafungsreaktion seiner Haft noch nicht eingetreten ist“ Die Pervertierung des Strafvollzugs - aber gängige Praxis.


2. Voller Knast


Am Donnerstag, den 23. Juli 2009 war unser Knast voll. Die Krankenzelle Nummer 13 auf der Station A2 im Bau Nord der JVA Stadelheim hat sechs Betten. Die Insassen waren:

Adi,

der Mann, der sein Fahrrad am Ostbahnhof hat stehen lassen. Er war der Mann, der dem Gefängniszahnarzt seinen letzten Zahn geopfert hat. Sein Essen musste er mangels Zähne grundsätzlich aufweichen. Adi war der Mann, der als unser Pressewart fungierte und keine Zeitung wegwarf, sondern sie alle unter seiner Matratze verstaute. Adi sorgte peinlich für die Sauberkeit in der Zelle.


Christian,

eigentlich ein Nürnberger, der in München arbeitete, d.h. sich angeeignete Ware nicht bezahlt hatte und sie trotzdem mit Gewalt verteidigte. Diebstahl und Körperverletzung nannte so etwas die Richterin und schickte ihn nach Stadelheim. Hier ereilte ihn das Entzugsdelir (Ursache Alkoholismus) und er bereicherte unsere Zellenatmosphäre mit seinem hilflosen Zittern und Beben. Alle 2 Stunden bekam er von der Nachtschwester sein Distraneurin im Becher,  was unsere Nachtruhe in eine Folterhaft mit Schlafentzug verwandelte.

Harry,

der wohl am schlechtesten dran war. Gewohnt an Marihuana, gebeutelt von heftiger motorischer Unruhe, stieß er im Entzugsdelir immer so heftig an den Fußteil seiner Bettstatt, dass es nur so krachte. Der motorische Unruhezustand ließ ihn aufspringen, sodass seine Bettnachbarn in Abwehrhaltung gingen. Einmal hatte er sogar ein Messer in der Hand - aber er bog zum Esstisch ab und zerteilte damit ein Stück Brot. Dann hing er wieder über der Bettkante und krümmte sich. Seine Unterhose war total verschissen und auf der Toilette hinterließ er korrekturbedürftige Spuren. Diese übernahm Andi und klärte diese Ecke. Schade, dass weder der Untersuchungsrichter noch die Staatsanwälte unsere Gäste waren. Es hätte ihrer Lebenserfahrung sicher nicht geschadet, den Doctores Vietze, Burckhard und Stallinger.

Laszlo,

dessen Deutschkenntnisse  trotz seines längeren Aufenthaltes nur wenig Fortschritte machten. Aber auch unsere Ungarisch-Kenntnisse nahmen nicht zu. Die Sozialarbeiterin war heute hier und sagte, sein Antrag auf Taschengeld sei abgelehnt. Schließlich habe er in Ungarn vier Kinder, eine Ehefrau und ein Haus, was dafür spreche, dass man ihm ab und zu zehn Euro schicken könne. Dieses Geld müsse von seiner Frau von Ungarn aus an die Landesjustizkasse nach Bamberg geschickt werden, da er das Geld nicht direkt in die Hand bekäme. Das Gefängnis als Vormund, wie bei allen hier. Laszlo war gnädig mit uns. Die letzte Nacht schnarchte er nur ganz kurz. Ich klopfte also nur einmal mit dem Glas meiner Armbanduhr an meine Bettstatt. Damit konnte ich die meisten Schnarchkonzerte, wenigstens kurzzeitig stoppen.

Andy,

der fuchsteufelswild wurde, weil Harry, (möglicherweise aber auch Christian) das Klo verschiss. Aber er musste selbst einmal und opferte ein paar von seinen sterilen Wischtüchern, um auf der Toilette wieder Ordnung herzustellen. Abends gab es nach einem heißen Tag ein Gewitter und als der Wind drehte, drückte er den ganzen Gestank aus den Toilettenabzug der Nachbarzellen in unsere gute Stube.


Nachtprogramm

Es folgt  jene Story, die ich dem akademischen Trio am Amtsgericht Traunstein widmen wollte. Aber waren die das überhaupt wert? Wenn mir jemals einer gesagt hätte, dass ich so eine Nacht erleben muss, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Aber der Herr Untersuchungsrichter Dr. Vietze und seine beiden Staatsanwälte Dr. B .und Dr. ST waren mir bis ins hohe Alter unbekannt. Diese Nacht war für mich der reinste Terror. Ich war am Morgen fix und fertig. Christian, der Dieb, tobte sich in seinem Delir aus. Er wälzte sich, stöhnte, weckte mich, damit ich wieder den Klingelknopf betätige, und bat mich um etwas zu Essen. Ich gab ihm zwei Knäckebrot und strich ihm noch meinen Rest Mettwurst darauf. Christian war dankbar.

Dies alles im Halbdunkel, da es keinen Lichtschalter gab in dieser Knastzelle. Und das in einer Krankenabteilung bei sechs Patienten, zum Teil mit schwerem Entzugsdelir. Solche Zustände sind international schon längst geächtet, in Stadelheim aber die Norm. Man weiß also gar nicht, wer in der Nacht über einen herfällt. Christian läutete wieder. Es war 1h45 in der Nacht. Kurze Zeit später ging das Licht an, es rasselte an der Tür und die Fressklappe ging auf. „Was ist“? „Ich bin so schlecht drauf, kann ich meine Tabletten jetzt schon haben“? „Nein, erst um drei und läuten sie ja nicht noch einmal. Die Glocke ist nur für Notfälle".

Das "Beste" an dieser Nacht war der Gestank aus der Toilette. Es ist ein eingebauter Verschlag, ca. 70 × 1 m und hochgezogen bis an die Decke, also ca. 4 m hoch. Die Zellen waren so hoch, damit man die Fenster so weit oben anbringen konnte, damit niemand aus dem Fenster schauen kann. Angeblich sind solche Haftbedingungen in der heutigen Zeit nicht mehr erlaubt. Aber in Stadelheim gelten andere Gesetze.

Die Toilette war ein Spülklosett, aber nicht mit einem Wasserbehälter, sondern mit einem Ventilknopf, der mit einem ohrenbetäubenden Geräusch das Wasser für die Kloschüssel freigab. Das heißt: wenn einer in der Nacht auf die Toilette musste und spülte, waren alle wach, sofern überhaupt eingeschlafen. Ein Knast ist eben kein Hotel und damit man sich so fühlt, kann man ein wenig nachhelfen. Und verantwortlich ist selbstverständlich niemand. Wer dagegen juristisch vorgeht, also klagt, muß gegen den Freistat Bayern klagen.

Das Lüftungsgitter für die Toilette sitzt oben und ist ca. 30 × 30 cm groß. Es ist seitlich an einem Lüftungsschacht angebracht, der aber nicht nach oben verläuft, sondern waagerecht, durch alle Zellen auf dem Stockwerk. Einen Ventilator gibt es nicht. Somit steht der Gestank quer im Lüftungsschacht, der irgendwo endet. Gibt es einen ungünstigen Luftzug, der von oben drückt, kommt aus der Toilette, deren Türe unten eine 3 cm hohen Spalt hat, eine Wolke, die man fast nicht mehr einzuatmen wagt. Bei schwüler Luft und Gewitterstimmung eine wahre Wonne.

Die Toilettenschüssel hielten wir mit Scheuerpulver sauber. Ein Desinfektionsmittel gab es nicht. Der Sitz wackelte erheblich, da die Auflagenpolster weggebrochen waren. Aber wir waren ja im Knast und nicht im Hotel. Einen Halter für das Toilettenpapier gab es natürlich ebenfalls nicht. Wir steckten die Rolle auf das Ende eines Wasserrohrs.

Aus dem Archipel Gulag entnehme ich, dass als Anhang zu meinem Haftbefehl etwas Entscheidendes fehlte: die Anordnung der Perlustrierung, nach Solschenizyn auch Großfilzung genannt. Bei Fluchtgefahr wird damit dem Häftling kein fluchtdienlicher Gegenstand gelassen. Eingezogen wird alles, was sticht oder schneidet; alles bröselige und pulvrige (Zucker, Salz, Tabak Tee).  Alle Arten von Stricken, Bindfäden, Hosengürtel und dergleichen. Wer die Auflistung Solschenizyns mit denen von Stadelheim vergleicht, wird verwundert sein. So viel Unterschied ist da nicht.

der Doc,

in diesem Falle ich, schrieb wieder ein Kapitel über die armen Hunde von Stadelheim. Ich lebte ja nicht nur unter Ihnen, nein ich gehörte ja dazu.  Ich schrieb nur nachts- auf Papier und mit Bleistift, zunächst im Halbdunkel, später im Schein einer Leselampe, die ich mir leisten konnte. Die Manuskripte bewahrte ich auf , in einem Versteck, bis ich sie hinausschmuggeln konnte. Wie das geschah, verrate ich natürlich nicht. Nur Teile der Manuskripte wurden beim Filzen enttdeckt und konfisziert. Erstaunlicherweise hatte sich schnell herumgesprochen, daß ich nachts schreibe . So war es nicht selten, daß ich beim Hofgang angesprochen wurde und man mir Geschichten erzählte, mit dem Wunsch, diese in meine Stories mit einzubeziehen. Ich tat dies, vereinzelt, wie in  "Die armen Hunde von Stadelheim" nachzulesen ist.

Eines vergaßen sie in Stadelheim ebenfalls nicht: mir keine Schere zu geben, für meine Zehennägel. So konnte ich mir einen Monat lang keine Zehennägel schneiden. Sie wuchsen und wuchsen, bis ich nach dem Hofgang eines Tages blutende Zehen hatte. Meine langen Nägel hatten sich in das Fleisch der Zehen gebohrt. Das kann bei einem Diabetiker ins Auge gehen - vom Geschwür bis zur Amputation. Ich fragte die Stationsschwester, ob es eine Nagelschere oder Zange für die Fußpflege gibt. Nein! Adi leihte mir seine Papierschere. So konnte ich wenigstens die scharfen Nagelecken abzwicken, um die Blutungsursache zu stoppen.



Was hätte Solschenizyn, der Nobelpreisträger, dazu gesagt?

Betrachten wir dazu ein paar virtuelle Blogs, deren Texte aber von Solchennyzin stammen:

„Verhaftet werden, das ist: ein Aufblitzen und Einschlag, durch die das  Gegenwärtige sofort in die Vergangenheit versetzt und das Unmögliche zur rechtmäßigen Gegenwart wird. Das ist alles. Mehr zu begreifen gelingt ihnen weder in der ersten Stunde noch nach dem ersten Tag“ (Alexander Solschenizyn).

In seinem Buch  "Der Archipel Gulag" schreibt er. "Die Oloialjd Solschenizyns machte einen Hungerstreik. Ihre Forderungen waren: ein verlängerter Spaziergang, Zeitungen und Pakete vom politischen Roten Kreuz".

Eine solche utopische Forderung wäre in der JVA Stadelheim nie durchgegangen. Ich bekam nicht einmal einen zweiten Auslauf, obwohl für Diabetiker dies lebensnotwendig ist. Die Arroganz der Justiz feierte hier fröhliche Urstände. In dieser Arroganz hatte sich jede Beschwerde in Luft aufgelöst. Vier Anträge auf einen zweiten Hofgang wurden abgeschmettert.

Solschenizyn schreibt  zu diesem Thema:

„Denn wenn man bedenkt: im Gefängnis des neuen Typus konnte, was einen an Kräften verloren ging, nicht wieder hergestellt werden.“ Das war so richtig zutreffend für meine Situation. Aber ich habe Solschenizyn nie kennengelernt.

Eine klassische Vorstellung auf der Station A 2 13 in der JVA Stadelheim  und ideal zutreffend ist der Satz Solschenizyns:

„Die einzige Aufmerksamkeit, die ihm amtlicherseits widerfuhr, war die gründliche Untersuchung seiner Zelle, die den versteckten Tabak und ein paar Streichhölzer zu Tage brachte“. So war es auch auf der A 2 13, meist dann, wenn wir auf dem Hofgang waren. Deuten wir mit den Fingern nicht auf die kleinen Beamten, sondern auf diejenigen, die dieses System installierten.

Da schreibt Solschenizyn von den Erfolgen der Hungerstreiks um das Jahr 1937. Er schreibt, dass die übriggebliebenen Sozialisten im Jaroslawler Straf-Isolator mit ihren Hungerstreiks immerhin folgendes erreichten: einstündige Spaziergänge, Zeitungen, Papier-Blocks zum Schreiben. Ich weiß nicht, warum sich Solschenizyn darüber aufregte: Mehr bekam ich in Stadelheim auch nicht.

Weiter ist bei Solschenizyn zu lesen: „Dank den Maulkörben und dem drahtbewehrten, trüben Fensterglas lagen die Zellen im stetigen Dämmer (die Dunkelheit ist ein wichtiger Faktor der seelischen Unterjochung). Viel mehr Licht haben bestimmte Zellen in Stadelheim auch nicht, insbesondere im alten Nordbau, wo die Fenster klein und so hoch oben sind, dass man nie ins Freie schauen kann. Gulag pur oder made in Bavaria? Die Luft ist in einigen Zellen insgesamt rationiert. Die Lüftungsklappen, auch als Fressklappen bekannt, waren vor allen Dingen in den Wartezellen meist zu -  oft nur ein halbes Fenster auf. Bei 16 Leuten in solchen Wartezellen, wo sie auf den Anwalt oder auf Ihren Besuch warten, wurde selbstverständlich die Luft knapp. Nur mutige Gefangene beschwerten sich.

Die Geldüberweisungen waren im Gulag limitiert. In Stadelheim natürlich auch. Aber auch diese Überweisungen dauern lange, laufen Sie doch über die Landesjustizkasse Bamberg. Der Gefangene hat dabei die größten Schwierigkeiten, jemand zu finden, der ihm das Geld überweist, auch sein eigenes. Das Einkaufskonto, die Voraussetzung für den Einkauf im Gefängnisladen, ist bei den meisten sowieso leer. Und Ausleihen von Geld bei einem Mitgefangenen, der noch finanzielle Reserven hat, ist verboten. Ich hatte genügend Geld im Portemonaie, als man mich in Stadelheim ablieferte. Doch die systematischen Vorschriften, die die Haft etwas ungemütlich machen sollten, verhinderten, dass ich trotzdem meiner schweren Erkältung mir ein paar Tempo-Taschentücher kaufen konnte. So verbrauchte ich halt zwei Rollen Klopapier, bis ich nach drei Wochen endlich in den Gefängnisladen durfte. In der Zwischenzeit hatte man bei einem Stubendurchgang während des Hofgangs eine meiner Reserve-Klopapierrollen schon wieder konfisziert.

Solschenizyn beschreibt in Kapitel 11 des Archipel Gulags auch den Zustand der Gefängnisse in seiner Zeit: Noch 1947/48 wurden im Gefängnis TON von Wladimir den Gefangenen die eigenen Kleider belassen. In Stadelheim hatten wir alle Anstaltskleider. Jeans-ähnliche, blaue Hosen, blaue T-Shirts, sonst weiße Unterwäsche. Nun, ich fand das tolerabel. Im Prinzip war es auch hygienischer, denn die Wäsche konnte regelmäßig gewechselt werden. Die „GINSBURG“, die Solschenizyn auch erwähnt, hatte übrigens vollkommen recht. Der Karzer  (Bunker) wurde nicht nach Vergehen, sondern nach Zeitplan zugeteilt. Der Reihe nach hatten sie alle mal rein zu kommen, auf dass jeder wisse, was ein Karzer (Bunker) ist. Wenn ich mir die Reihe der Inhaftierten vor Augen führe, und mich an die Kommentare erfahrener Mithäftlinge erinnere, kommt in mir der Verdacht auf, dass die Richter schnell bei der Hand sind, die Plätze in Stadelheim nicht verwaisen zu lassen. Auffällig war, dass schubweise "Alkoholische" für kurzfristigen Entzug eingewiesen wurden oder auch solche, die auf "Bewährung" frei herumliefen und wegen irgendwelcher Lappalien auf der Straße eingefangen wurden, um die freien Zellenplätze wieder zu füllen. Arme Schweine sozusagen, die untersten auf unserer sozialen Leiter. Ich hörte mir viele Geschichten an, desolate oft, wurde natürlich auch oft angelogen.

Der Gulag und seine Kunden

Gar lächerlich fand ich die Zahl der Verhafteten, die hier waren, weil sie kein Geld hatten, um ihre Strafen zu bezahlen. Da war der alte Opa aus der Türkei, mit dem Blindenstock, der 200 € nicht zahlen konnte und der immer alleine herumirrte und während des Hofgangs immer an der Mauer stand. Der Richter, der diesen Alten hereingeschickt hat, sollte hier ein passives Praktikum machen müssen. Was heißt Richter? Ich habe den Eindruck, dass auch immer mehr Richterinnen sich als Hardliner betätigen. Ist es wirklich so, dass ein solcher Beruf mit der Zeit ein Individuum entmenscht. Gewohnheit ist es sicher nicht, auch nicht bei einem Henker. Matrialchaische Rechtsprechung?  Ich habe immer mehr diesen Verdacht - so wie bei Reinhard P. , dem Urologen, der von seiner Frau wegen Beleidigung angezeigt wurde, natürlich erst, nachdem sie ihn mit dem Schulleiter gehörnt hatte.

Solschenizyn sagte dazu: „Es  sind dies immer noch dieselben Menschen, die im Reigen der großen Pateance von Gefängnis zu Gefängnis… geschleust wurden“. Verschubung gab es also schon auch damals.

Die Futterknechte der bayerischen Gefängnisse sind meist ehrenwerte, hoch angesehene Bürger. Die Elendsprodukte, welche sie erzeugen, werden als Kriminelle betitelt, von der Presse gebrandmarkt und dann im System aufgearbeitet. Die Vollzugsbeamten, die von den Gefangenen als Wachteln, Läufer oder sonst was bezeichnet werden, sind daher nur Werkzeuge, die durch die Vorschriften, oft durch sinnlose Bürokratieprodukte, überfordert sind. Ihre Dienstposten sind oft genauso schlimm, sodaß sie sich manchmal fühlen, als wären sie auf der anderen Seite. Manche haben Jobs, da sehen sie den ganzen Tag kaum das Tageslicht. Viele Gefangene empfinden daher tiefstes Mitgefühl für ihre Wachbeamten, die in einer solchen negativen Umwelt arbeiten müssen.

Geregelt und organisiert wird diese Umwelt von bestimmten Hintermännern, Beamten im gehobenen Dienst und ministerialen Mitarbeitern - jenem Klientel, welches die Herrschaft in unserem Staatswesen immer mehr an sich reißt und seine Existenz sichert. Eine unermüdlich schaltende und waltende Schicht, die den Bürger am Funktionieren hält - oder einsperrt. Andi, Adi und Erich sowie all die anderen können ein Lied davon singen - auch diejenigen, die wieder mal ein paar Tage in der Freiheit verbringen durften oder auch im Rechtsstaat, von dem einige gar nicht wissen, was das ist.




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